Ethik oder die 101. Kuh

Vor Jahren wurden zur Eröffnung eines Symposiums zum Thema „Wirtschaftsethik“ zwei Persönlichkeiten eingeladen: einen Mann und eine Frau. Er: einer der Wirtschaftsleaders weltweit – erfolgreich, etabliert, eloquent. Sie: eine Frau, die es zu hohen akademischen Würden gebracht hatte – erfolgreich und etabliert, ja, aber nicht unbedingt eloquent.

 Der Wirtschaftsführer kam zuerst; er sprach und stand frei und wusste um die Wirkung seines Aussehens und seiner Worte. Ganz anders die Wissenschaftlerin: Körperhaltung, die leise Stimme und eine gewisse Unbeholfenheit signalisierten, dass sie „eigentlich“ gar nicht am Rednerpult stehen wollte (sondern dort eher Zuflucht suchte) und 300 ZuhörerInnen „eigentlich“ gar nichts zu sagen hatte, sich aber verantwortungsbewusst ihrer Aufgabe entledigen wollte. Schwierig für sie, nach ihrem Vorredner aufzutreten, dessen geschliffenes Wirtschaftsvokabular und souveräne Vortragsweise alle beeindruckt hatte.

Nachdem man sich an ihre eher leise Stimme und ihre sparsame Sprache gewöhnt hatte, begann man sich auch für den Inhalt ihrer Ausführungen zu interessieren. Aber plötzlich hörte man ihr gebannt zu, denn sie zog ihr Publikum in eine Geschichte hinein – eine einfache, kurze Geschichte, mit der sie in ein paar Worten erklärte, was Ethik ist:

In einem Dorf gibt es 100 Bauern, die vereinbart haben, dass jeder täglich eine Kuh auf die Allmend schicken darf. Das funktioniert sehr gut über einen längeren Zeitraum. Eines Tages jedoch sieht ein Bauer, wie sein Nachbar nicht nur eine Kuh, sondern zwei Kühe in die vorbeiziehende Herde schiebt. Er traut seinen Augen nicht, möchte aber ganz sicher gehen. Also steht er am nächsten Morgen um dieselbe Zeit wieder am Fenster und siehe da: Wiederum sind es zwei Kühe, die der Nachbar aus dem Stall lässt. Der Bauer ist empört, aber nicht lange. Sehr bald nämlich kommt ihm eine Idee: „Wenn das mit den zwei Kühen bisher bei meinem Nachbarn gut gegangen ist, dann wird es sicher auch nichts ausmachen, wenn ich täglich eine zweite Kuh auf die Allmend schicke.“ Gedacht, getan – und so sind es nun 102 Kühe, die dieselbe Futtermenge beanspruchen.

Natürlich bleibt das nicht lange unbemerkt, und jede Woche gibt es mehr Kühe auf der Weide, die für 100 von ihnen reichlich Nahrung spendete, für 120, 130 oder gar 150 jedoch nicht mehr brauchbar ist. Und so bricht nach einer gewissen Zeit ein System zusammen, dessen Basis Anständigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen waren.

Ethik, meine Damen und Herren„, kam die Rednerin zum Schluss ihrer  Ausführungen, „ist also ganz einfach: Es ist nicht die Menge der Kühe, die die Allmend ruiniert, sondern die 101. Kuh. Ein Einzelner, der das System unterwandert, genügt, um es zusammenbrechen zu lassen.“

 Der Applaus war lang und herzlich, aber das schönste Kompliment hat sie gar nicht mitbekommen: Während der drei Tage des Symposiums sind nicht einmal die geschliffenen Worte des Wirtschaftsführer zitiert worden, aber alle haben dauernd von der 101. Kuh gesprochen.

(Angelehnt an Dr. Monique R. Siegel)

4 Kommentare zu „Ethik oder die 101. Kuh

  1. es erstaunt immer wieder, packt man eine Tatsache in eine einfache Geschichte und macht es somit für jeden verständlich, bleibt das „gehört werden“ nicht aus!!
    Von geschliffenen Rednern mit nichtssagenden, wohlfeilen Worten die 100% zum Anzug und der Krawatte passen, haben wir doch langsam alle die Nase voll. Und das Gro versteht doch bei dem fachchinesisch auch nur die Hälfte! Klartext in Form einer Parabel, das isses!!
    Für mich jedenfalls!!

  2. Ein wunderbarer Beitrag zum Thema „ein jeder kehre vor seiner Tür“! Aber auch zum Thema „Ehrlichkeit ist anstrengend“. Der Bauer von Kuh 102 hat ebenfalls versagt, denn er hat den Streit gescheut zugunsten des bequemen Wegs.

  3. Nicht immer ist die 101te Kuh so leicht zu erkennen wie in der oben genannten Geschichte.
    Im täglichen Leben gibt es viele verschiedene „kleine“ Veränderungen die große Veränderungen bewirken. Dazu kann ich das Buch „Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können“ von Malcolm Gladwell empfehlen.

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