Das Unsichtbare sehen …

Vor kurzer Zeit habe ich eine sehr spannende und lehrreiche Geschichte gelesen:

Es war im dritten Jahrhundert vor Christus, als König Tsao seinen Sohn, Prinz Tai, zum Tempel schickte, um beim großen Meister Pan Ku in die Lehre zu gehen. Weil der Prinz seinem Vater auf dem Thron nachfolgen sollte, war es Pan Ku aufgegeben, den Jungen alles zu lehren, auf daß er später ein guter Herrscher werde.

Sobald der Prinz beim Tempel eingetroffen war, schickte ihn der Meister allein in den Ming-Li- Wald. Nach einem Jahr sollte der Prinz zurückkommen und den Klang des Waldes beschreiben. Zurückgekehrt forderte Pan Ku den Prinzen Tai auf, alles zu beschreiben, was er gehört hatte. ‚Meister, ich konnte hören, wie der Kuckuck ruft, die Blätter rauschen, die Kolibris surren, die Grillen zirpen, das Gras weht, die Bienen summen und der Wind flüstert und tobt.‘

Als der Prinz geendet hatte, schickte ihn der Meister erneut in den Wald, um noch mehr zu erlauschen. Als der Prinz wieder beim Tempel angekommen war, fragte der Meister, was er noch gehört habe. ‚Meister‘, antwortete der Prinz ehrfürchtig, ‚als ich ganz genau lauschte, konnte ich vorher nie Gehörtes hören – den Klang sich öffnender Blumenblüten, den Klang der Sonne, die die Erde wärmt, und den Klang des Grases, das den Morgentau trinkt.‘ Der Meister nickte anerkennend. ‚Das Unhörbare hören zu können‚, bemerkte Pan Ku, ‚ist als Fähigkeit bei einem guten Herrscher unabdingbar.‘

… das Unsichtbare – manchmal aber Offensichtliche –  sehen zu können, gehört auch zu den Fähigkeiten einer guten Führungskraft. Wie viele Menschen Hoffnungen haben ohne darüber zu reden; Wünsche haben, die sie nicht aussprechen; in ihnen Sehnsüchte schlummern, die sie nicht kommunizieren; Visionen haben, die sich selbst nicht eingestehen wollen – alles das ist da! Die zentrale Frage ist: Was oder wer bringt sie dazu dies zu erkennen/ zu leben?

Und in dem Zusammenhang gibt es noch eine andere wesentliche Frage: WIE SEHEN WIR DEN MENSCHEN?

Schauen wir auf die Oberfläche – oder suchen wir nach dem Verborgenen, dem Wahren, dem Kern. Sicher gilt es, das Verhalten unseres Gegenübers nicht außer Acht zu lassen – aber es lässt uns völlig offen, wie wir darauf reagieren. Genervt, angespannt, überheblich, besserwisserisch oder verständnisvoll, anerkennend, wissend, wo und wie unser Gegenüber dahin gekommen ist, wo er jetzt ist.

Goethe sagte einmal sinngemäß „Behandele die Menschen so, wie Du sie gerne hättest.“ – das ist eine Richtung Menschen in ihr Potential zu bringen. Und genau dieses Potential zu sehen, entsprechend zu reagieren und manchmal mehr an Menschen zu glauben als sie an sich selbst – das wünsche ich mir von einer guten Führungskraft. Und ganz besonders gilt das für Eltern!

Ihr/ Euer

Dirk (Jakob)

4 Kommentare zu „Das Unsichtbare sehen …

  1. Hallo Dirk,

    danke für diesen spannenden Artikel. In der Tat sind 95 % des Universum unsichtbar. Die sog. Realisten sehen definitiv nur 5 %, wenn überhaupt. Visionäre haben die Chance, mehr zu sehen.

    Bei aller Persönlichkeitsentwicklung ist es unabdingar, bei sich selbst anzufangen und vor der eigenen Haustüre zu kehren. Ist man damit nicht voll und ganz für sein ganzes Leben ausgelastet ?

    Bevor ich also anfange, das Potential anderer Leute zu „erkennen“, sollte ich überlegen, wie es mit meinem Potential aussieht – bin ich bereits glücklich und fühle ich mich auch so ? Lebe ich bereits mein Potential voll aus ? Wenn nicht, weiss ich, wo ich anfangen muss.

    Das gilt in der Partnerschaft genauso wie in der Kindererziehung.

    Beste Grüsse

    Oliver

    1. Hallo Oliver,

      da bin ich ein wenig anderer Meinung 🙂 .

      Selbstverständlich ist es wichtig „vor der eigenen Haustür zu kehren.“ Manche Leute beschäftigen sich aber so mit sich selbst, dass sie die Spiegel von außen völlig ignorieren – und das ist mir schon oft passiert!

      Es kann sogar so sein, dass – wenn ich erst einmal aufhöre mich nur um „meinen eigenen Kosmos“ zu kümmern und VERSCHENKE WAS ICH MIR WÜNSCHE, ich zu neuen, eigenen Quellen komme. Es ist also eine interdependente Angelegenheit …

      Bis dahin

      Dirk

      1. Hallo Dirk,

        danke für Deine Antwort, habe mich sehr gefreut. Ich glaube, weit auseinander sind wir nicht. Denn klar, durch geben dessen was wir begehren können wir Gutes für uns anziehen wenn wir es nicht „erwarten“ und das Universum quasi versuchen zu bestechen.

        Meine Aussage war mehr in Richtung Gandhis Zitat gemünzt:“Sei zuerst die Veränderung, die Du in anderen und in der Welt sehen willst.“ Ist das nicht eines der Hauptprobleme der Menschheit, dass die meisten Menschen versuchen, andere zu ändern, nur sich selbst nicht ? Nach dem Motto:“Ich bin OK, Du bist nicht OK.“

        Klar, man darf dabei nicht nur Nabelschau betreiben und logisch ist mir das auch schon mehr als einmal passiert…

        Beste Grüsse

        Oliver

  2. Hallo Dirk,
    ich habe deinen Artikel jeden Tag ein paar mal gelesen – er hat mich sehr berührt – irgendetwas in mir hat sich gelöst – ich kann das alles nicht so gut ausdrücken wie du 🙂
    Bei meinen Kindern ist mir dieses Verhalten leicht gefallen – bei den Erwachsenen fällt es mir eigenartiger Weise nicht immer so leicht.
    Sensibilität, Einfühlungsvermögen, mein Herz öffnen (auch auf die Gefahr hin, dass es verletzt und mit Füßen getreten wird, was sehr weh tut), mich – mein Selbst – zurück nehmen und den Anderen in den Vordergrund stellen, genau hinhören was unausgesprochen bleibt und vieles mehr … gehört dazu.
    Den Spruch von Goehte habe ich schon vor langer Zeit für mich umgewandelt in:
    „Anita, behandle die Menschen so, wie du von ihnen gerne behandelt werden möchtest.“
    DANKE dafür, dass du es immer wieder schaffst, den Kern der Dinge so in Worte zu fassen, dass es nicht nur eine Freude ist, deine Artikel zu lesen, sondern dass es mir immer wieder gelingt zu erkennen, wo ich gerade stehe und was ich tun muss, um weiter zu kommen :)))
    DANKE, dass du dein Wissen, deine Erfahrungen, deine Weisheiten mit mir/uns teilst und mich/uns daran teilhaben lässt, damit ich/wir daraus lerne/n um es dann in mein/unser Leben zu integriere/n.
    DANKE Dirk, für diese überaus wertvollen Artikel, die du mir/uns unentgeltlich zur Verfügung stellst!!!! :)))
    Liebste Grüße aus Österreich, Anita

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s