Was soll ich bloss tun – er läuft in sein Unglück?!

Kennen Sie das auch? Sie arbeiten mit Menschen oder haben Bekannte in Ihrem Freundeskreis und sie sehen immer und immer wieder wie die Person scheinbar gewollt und bewusst vor die Wand läuft, sich immer wieder selbst schadet. Sie fühlen mit und können einfach nicht verstehen, warum er/ sie wie in einem Hamsterrad scheinbar nicht sehen WILL.

Bei Kindern sind wir es gewöhnt und das Sprichwort, dass man wohl selbst erst auf die heiße Platte fassen muss um zu erkennen, dass sie wirklich heiß ist, sagt ja schon vieles. Aber wie ist es mit den Menschen, die SAGEN, dass sie es „nicht mehr wollen“ oder einen Weg  „aus dem Schlamassel raus“ suchen, sie aber mit großer Trefferquote immer wieder den Weg ins „Verderben“ finden. Ich gebe zu, dass war einer meiner größten Lernprozesse, denn gerade wenn es Freunde und Bekannte waren, denen es wirklich nicht gut ging, wollte ich unbedingt „helfen“.

So gibt es unendlich viele Menschen, die sagen, dass sie etwas anders wollen, aber gleich – nachdem man Ihnen gesagt und gezeigt hat wie sie es ändern können – eine Ausrede parat haben: „Das kann ich nicht.“ oder „Da bin ich kein Typ zu“ sind ebenso Varianten wie „Das geht nicht, weil…“. Können Sie es auch nicht verstehen, wie er sich selbst immer wieder – quasi wie ein Mantra – einredet und vorbetet, warum er gerade in der Situation ist, aus der er sich angeblich schnellst möglich befreien will und gleichzeitig wieder neue Bande der Anhaftung schmiedet?

Da hilft kein „auf die Schultern klopfen“, kein „Du schaffst das schon…“, kein „Ich sehe, dass Du könntest, wenn Du endlich machen würdest…“ – wie ein Echo kommt dann gleich wieder „Ich würde ja so gerne, aber…“ . Wenn ich eines im Umgang mit Menschen gelernt habe, dann, dass man  Menschen nicht beitragen kann, die in ihrer Situation stecken wollen – ob bewusst oder unbewusst. Wir können sogar die Aufgabe für sie erledigen um zu zeigen DASS es geht – sie werden es leugnen.

Warum das so ist, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben und ich persönlich habe mir abgewöhnt immer wissen zu wollen, WARUM es denn nun so ist. Scheinbar bin ich dann eher an einer Lösung für die Person interessiert als sie selbst! Und was dann kommt, ist nicht nur ein Bumerang, sondern geht oftmals mit Schimpftriaden einher „Wie konntest Du nur!“ oder „Du musst auch immer Recht behalten…“.

Aber werfen wir mal einige Blicke auf das Warum:

Viele haben sich unbewusst selbst schuldig gesprochen … . Sie haben entweder etwas getan das sie selbst für negativ, verwerflich oder verabscheuungswürdig, unmoralisch oder zutiefst egoistisch verurteilen und kommen zu dem Schluss „Das geschieht mir ganz recht…“ bzw. „das ist die Strafe für…“. Was mir in den vielen Seminaren aufgefallen ist, als wir diese Themen bearbeitet haben, war,  dass es andere Menschen komplett anders sehen. Die absolute größte Anzahl der Menschen sind scheinbar so in einer Welt von Selbsturteilen gefangen, dass sie zwar oberbewusst sagen „Ich will viel erreichen…“ aber innere Boykottprogramme dies verhindern. Und letztendlich wirken diese sich selbst eingeredeten, negativen Programmierungen und Paradigmen wesentlich stärker als lauthals formulierte Erfolgsparolen.

Ein anderer Grund sind Konventionen und althergebrachte Parolen wie „Ohne Fleiß kein Preis“ oder  „Ohne Kampf kein Gewinn“. Selbstverständlich muss man Energie einsetzen um große Ziele zu erreichen. Aber: Wann ist genug genug? Wann war man genug fleißig und kann die Ernte einstreichen? Wann entschließt man sich nicht mehr zu kämpfen um auch anders zu gewinnen? Was muss passieren, um diese Glaubensmuster zu ändern?! Und was mir auch klar geworden ist, ist, dass man erst an der Grenze seiner Beschränkungen eben diese erkennen und verändern kann. Dafür braucht man aber fast immer einen Coach, einen Mentor, dem man vertraut, der einen begleitet und weiß, was „hinter dem Horizont“ passiert. Wir verhalten uns meist wie Kinder, die im dunklen Wald spazieren gehen sollen und sich selbst Mut zusprechen indem sie anfangen zu pfeifen –  oder wie die sprichwörtliche Kuh auf dem Eis.

In diese Richtung gehen sicher auch die ganzen Attribute, die man uns eingeredet hat. „Dazu  bist Du zu wenig sportlich…“, „Dafür muss man (was anderes) studiert haben…“, „Um das ganze Geld zu verdienen, muss man andere Startvoraussetzungen haben…“, Dafür bist Du zu schüchtern …“ – und irgendwann glauben wir es selbst. In der Psychologie gibt es Untersuchungen, die besagen, dass – wenn ein Mensch 7 Mal das gleiche hört und sich nicht vom Gegenteil überzeugt – er es als wahr annimmt um es dann später für sich als gegeben hinzunehmen. Also fragen Sie sich, was Ihre Eltern Ihnen alles eingeredet haben, wie viele Leute meinten, dass Sie nicht singen könnten (und die meisten werden es glauben…) und und und … .

Es muss etwas passieren, damit Menschen eben über diese Glaubenssätze stolpern, sie ihnen bewusst werden und sie  ändern wollen. Die Energie, die gebraucht wird um sie zu verändern muss größer sein als die Anhaftung am Alten. In der Praxis bedeutet das, dass meist der Schmerz größer sein muss, als das Maß der eigenen Leidensfähigkeit.  Aber auch da gehen viele Menschen oft den Weg die eigene Leidensfähigkeit zu erhöhen, statt den eigenen Veränderungsprozess einzuleiten.

Verrückt – aber wahr!

Ein Teil meiner Ausbildung ging in Richtung „provokanter Therapie“ von Frank Farrelly. Um eine lange Geschichte kurz zu machen, kann man mehrere Statements dazu machen, ohne hier den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben: 1. Man muss die Menschen da abholen wo sie stehen. 2. Die humorvolle Spiegelung und Übertreibung des Verhaltens unseres Gegenübers kann „Wunder wirken“. 3. Für Außenstehende wirkt diese Arbeit oft „schockierend/befremdlich“ (aber oftmals ist eben der Schock wichtig, um in die Gegenwart zu kommen).

Was also habe ich getan? Mit Menschen die Arbeit hatten und sich dauernd beschwerten in welch schlechter Lage sie doch sind bin ich in eine Unfallklinik gegangen; mit Arbeitslosen, die meinten, dass es nicht schlimmer kommen kann habe ich das Obdachlosenasyle besucht; einem Freund von mir habe ich geraten mit seiner 17- jährigen Tochter, die „einfach keine Lust mehr hatte in die Schule zu gehen weil alles nervt“ und kurz vor dem Abitur stand, aufs Arbeitsamt zu gehen, damit sie sich dort anschaut, was nach der Schule auf sie zukommt; ….

BITTESEHR: Das kann nur in ausgewählten Fällen angewandt und in keinem Fall verallgemeinert werden! Das ist sehr wichtig zu erkennen, denn – falsch angewandt – kann der „Schuss nach hinten losgehen“.

Was ich damit aber meine, ist, dass WIR ES UNS NICHT AUSSUCHEN können, was der andere „braucht“, um sich zu entwickeln. Ich möchte hier nochmals betonen, dass es nichts mit „gutem Willen“ oder „schlechter Führung“ zu tun hat: Wenn sich jemand dazu innerlich verpflichtet hat sich nicht zu verändern (und somit zu leiden) können Sie wirklich gar nichts machen! Der Impuls muss vom Gegenüber kommen!

Zu lernen diese Impulse zu setzen – das ist sicher eine Aufgabe, die gute Führungskräfte beherrschen sollten. Sie spielen die Klaviatur der Möglichkeiten, statt nur auf der Taste der Motivation zu hämmern; obwohl – es gibt da noch andere „1 oder 2 Tasten- Klavierspieler“, die immer wieder mit den gleichen Sprüchen kommen. 🙂

Was man selbst daran lernen kann? Los zu lassen (also dem anderen sein Los zu lassen), entspannen, atmen und sich wundern, was Menschen alles tun, um für sich selbst Recht zu behalten.

Na dann Prost Mahlzeit ..

Ihr/ Euer

Dirk (Jakob)

5 Kommentare zu „Was soll ich bloss tun – er läuft in sein Unglück?!

  1. Hallo Dirk, dies ist mein erster Block den ich von Dir lese und ich muß sagen,
    das du den Nagel voll auf den Kopf getroffen hast. Leider meinen wohl viele Leute, man solle sie lieber bemitleiden anstatt sie auf angebotene Auswege
    eingehen würden.
    Lg.jens

  2. Das ist alles total wahr was Du geschrieben hast !
    Es gehört aber eine ungeheuere Selbstdisziplin dazu, anderen nicht zu sagen, wodurch oder wie es ihnen besser gehen könnte. Es gelingt mir zwar immer öfter. Ich erwische mich aber auch dabei, dass ich es wieder ‚getan‘ habe und jedes Mal, wenn ich wieder mal helfen wollte, verspreche ich mir, es nicht mehr zu tun. Ich habe da noch einen ziemlichen Weg vor mir.

  3. Ein Psychotherapeut erzählt von seiner Ausbildung.
    Er arbeitete mit seinem Professor in einer Gruppentherapiesitzung innerhalb einer psychiatrischen Klinik. Während der Sitzung stand ein Patient/Klient auf, ging zur Wand neben der Tür und begann, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Der Psychotherapeut in Ausbildung erschrak, suchte Blickkontakt zu seinem Ausbilder, der ihm nickend die Zustimmung gab, zu dem Klienten zu gehen. Er ging zum Klienten und versuchte, ihn mit Worten und mit Körpereinsatz vom Mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-Schlagen abzubringen. Der Klient schlug immer heftiger gegen die Wand; Blut begann zu spritzen. Verzweifelt wandte sich der Psychotherapeut in Ausbildung zu seinem Ausbilder, der ruhig auf seinem Stuhl sitzen blieb, lächelte und schließlich – es spritzte immer mehr Blut an die Wand – sagte: „Die Wand gibt nicht nach, auch nicht mit Ihrer Hilfe. Nehmen Sie doch einfach die Tür hinaus.“

  4. Guten Morgen Dirk,
    bin doch fasziniert von dem Blog. Da ist übrigends mein erster, ich lese sonst Bücher und nicht im PC 🙂 Ich denke, dass das vielen Menschen eine Untetrstützung sein kann. Ich fand einige interessante Aspekte und werde sicher bei meinen Trainings einiges super verwenden können. Sehr hilfreich Danke !

    Hy Karin, möchtets Du Dich mal bei mir melden? Du hast meine Daten alle noch. Grüße an Mario.
    Liebe Grüße

    Simona

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